Mehr als ein Fragebogen: Die Einbindung von interaktiven Karten in Befragungen

Ein Erfahrungsbericht

Wer in der Geographie forscht, stößt manchmal auf die Frage, wie Informationen, Verhaltensweisen oder Emotionen räumlich erfasst werden können. Während klassische Umfragen vor allem erfassen können, was Menschen denken oder fühlen, ermöglichen Kartierungen zusätzlich die Analyse, wo bestimmte Wahrnehmungen auftreten.

Im Rahmen meiner Bachelorarbeit nutzte ich ein solches Verfahren, um Sicherheits- und Unsicherheitswahrnehmungen von Frauen im Stadtteil Bochum-Ehrenfeld zu erfassen. Die Kombination aus qualitativer Befragung und partizipativer Kartierungsfunktion half dabei, die subjektiven Sicherheitswahrnehmungen sichtbar zu machen und räumliche Muster von Angsträumen zu identifizieren.

Der folgende Beitrag stellt digitale Kartierungstools vor und berichtet von meinen Erfahrungen mit dem Programm AtoSurvey.

Warum eine Karte integrieren?

Kartierungen werden häufig eingesetzt, um räumliche Muster sichtbar zu machen. Mithilfe digitaler Kartierungstools lassen sich klassische Fragebögen mit der Erhebung räumlicher Informationen kombinieren. Teilnehmende können Orte markieren, bewerten sowie kommentieren und dadurch räumliche Zusammenhänge sichtbar machen. Da sich Unsicherheitsgefühle häufig auf konkrete Orte beziehen, war es mir mithilfe von AtoSurvey möglich, Unsicherheit kartographisch darzustellen sowie Muster und räumliche Häufungen sichtbar zu machen. Zudem konnten auf diese Weise Überschneidungen zwischen sicheren und unsicheren Orten deutlich besser herausarbeitet werden. Die Kombination aus räumlicher Verortung und der Möglichkeit Orte mit Kommentaren zu versehen, ermöglichte tiefere Einblicke in die Wahrnehmungen der Frauen und stellte die methodische Grundlage meiner Arbeit dar.

Abbildung 1: Beispielhafte Kartierungsaufgabe aus meiner Arbeit (eigene Darstellung)

Erfahrungen mit AtoSurvey

Insgesamt bot AtoSurvey zahlreiche Möglichkeiten, stellte mich aber auch vor einige Herausforderungen. Das Abgrenzen meines Untersuchungsgebiets erfolgte einfach und ähnelte dem Erstellen eines Polygons in ArcGIS. Die Teilnehmerinnen hatten anschließend die Möglichkeit, Orte direkt auf der Karte zu markieren und ihre Auswahl durch Kommentare zu ergänzen. Besonders positiv war die Verknüpfung von klassischen Fragebogenelementen mit Kartierungsaufgaben innerhalb eines Programms. Zudem konnten erste Auswertungen der Ergebnisse direkt im Programm vorgenommen werden. AtoSurvey erstellt auf Grundlage der erhobenen Daten automatisch Heat Maps und Punktekarten, die sich gut für eine erste kartographische Analyse eignen. Auch der Export der Daten funktionierte problemlos und ermöglichte die Weiterverarbeitung in anderen Programmen wie beispielsweise Microsoft Excel oder SPSS. Zudem war die Durchführung der Befragung laut Rückmeldungen der Teilnehmerinnen grundsätzlich intuitiv und verständlich gestaltet.

Abbildung 2: Heatmap: Räumliche Verteilung wahrgenommener sicherer Orte im Untersuchungsgebiet (eigene Darstellung mit AtoSurvey).

Gleichzeitig stellte mich die Arbeit mit AtoSurvey auch vor einige Herausforderungen. Während der Erstellung des Fragebogens und der Erhebungsphase traten zahlreiche technische Schwierigkeiten und Systemfehler seitens AtoSurvey auf.  Die meisten Fehler konnten zwar durch das Support-Team behoben werden, führten jedoch zu zusätzlichem Zeitaufwand. Trotz der Schwierigkeiten überwogen die Vorteile des Programms.

Tipps für eigene Kartierungsprojekte

Für eigene (kartengestützte) Befragungen würde ich folgende Dinge empfehlen:

  • Für die technische Einrichtung sollte ausreichend Zeit eingeplant werden. Bei mir hat die Umsetzung incl. der Problemlösungen etwa 2-3 Tage gedauert, da ich mehrfach auf die Antworten des Support-Teams warten musste. Solche Schwierigkeiten sind zwar nicht der Standard, müssen allerdings im Zeitplan mit berücksichtigt werden.
  • Die Befragung sollte vor der Veröffentlichung von mehreren Personen getestet werden, um mögliche Missverständnisse während der Datenerhebung zu vermeiden (Pretest).
  • Pretests sollten auf unterschiedlichen Geräten und Browsern
  • Kartierungsaufgaben sollten möglichst verständlich formuliert
  • Um keine Daten zu verlieren, sollten regelmäßige Exporte durchgeführt werden.
  • Bereits vor Beginn der Datenerhebung sollte überlegt werden, wie die räumlichen Daten später ausgewertet Dies spart Zeit in der Nachbereitung und Auswertung.

Verbreitungswege der Befragung

Da die Befragung möglichst viele unterschiedliche Personengruppen erreichen sollte, entschied ich mich für möglichst viele verschiedene Verbreitungsarten. Neben WhatsApp, Instagram und Facebook wurde auch die Nachbarschaftsplattform nebenan.de genutzt. Ergänzend wurden Aushänge mit QR-Codes in mehreren Cafés und Gastronomiebetrieben in Bochum-Ehrenfeld platziert. Die Kombination verschiedener digitaler und analoger Verbreitungswege erwies sich als sinnvoll, da unterschiedliche Zielgruppen über unterschiedliche Kanäle erreicht werden können. Rückblickend würde ich empfehlen, genügend Zeit für die Verbreitung einzuplanen und sich nicht ausschließlich auf einen Kanal zu verlassen.

Tabelle 1: Verbreitungsweg der Befragung (eigene Darstellung).

Wie komme ich an eine Lizenz?

Die Vergabe der Lizenzen ist von Programm zu Programm unterschiedlich. Einige Lizenzen sind kostenpflichtig, andere Anbieter stellen kostenfreie Lizenzen zur Verfügung. Zudem besteht manchmal die Möglichkeit eine zeitlich begrenzte Test-Lizenz zu beantragen. In meinem Fall habe ich AtoSurvey über das Kontaktformular auf der Homepage kontaktiert und mein Forschungsvorhaben vorgestellt. Dabei habe ich erläutert, wofür ich die Lizenz benötige und wie das Programm in der Untersuchung eingesetzt werden soll. Daraufhin wurde mir kostenfrei eine Lizenz mit einer Laufzeit von einem Jahr zur Verfügung gestellt. Es kann sich daher lohnen, bei Anbietern direkt nachzufragen, da wissenschaftliche Projekte und Abschlussarbeiten teilweise unterstützt werden.

Welche Alternativen gibt es?

AtoSurvey existiert heute nicht mehr in der Form, in der es während meiner Datenerhebung genutzt wurde. Der Nachgänger des Programms heißt „Eagle Observe“ (https://www.eagleobserve.se), wurde von mir allerdings nicht getestet. Laut Betreiber soll Eagle Observe die gleichen Funktionen wie AtoSurvey erfüllen.

Zudem stellen die Programme „Maptionnaire“ und „SketchMap Tool“ interessante Alternativen zu AtoSurvey dar. Das passende Werkzeug hängt allerdings von der Fragestellung, Durchführungsart und den Schwerpunkten der Forschung ab. Es lohnt sich daher, sich mit mehreren Kartierungsprogrammen auseinander zu setzen, um das passende Tool für das eigene Projekt zu finden.

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